Gastbeitrag von Dr. phil. nat. Simon Aegerter

Ein Schreckenswort! Was radioaktiv ist, ist gefährlich, lebensgefährlich gar! Schliesslich wissen wir alle: es gibt keine harmlose Dosis, keine untere Grenze für Schäden.

Tatsache ist aber: Alles in der Natur ist radioaktiv. Wir alle sind radioaktiv. Eine Welt ohne Radioaktivität hat es nie gegeben. Und alles Leben gedeiht prächtig.

Aber was ist das eigentlich, „radioaktiv“? Wir wollen das genauer anschauen. Was ist gefährlich, was nicht? Woher kommt Radioaktivität und wie wirkt sie?

Wir haben ein paar einfach zu verstehende Fakten zusammengestellt. Sie sind aus dem Leben gegriffen, darum anschaulich und wohl für die meisten überraschend. Oder wissen Sie, wo Sie besser nicht hingehen, wenn sie vor Atomkraftwerken Angst haben? Wir sagen es.

„Radioaktiv“ ist zunächst ein Fremdwort. Es bedeutet „es strahlt“. Es? – Ja, Strahlung ist immer an eine Substanz gebunden, um zu strahlen muss „etwas“ da sein. Dieses etwas kann ein Stein sein, Staub oder eine Flüssigkeit – oder die Sonne; sie strahlt bekanntlich auch.

Die Sonne? Radioaktiv? Ja, schon – aber der grösste Teil der Sonnenstrahlen erschreckt niemanden: das sichtbare Licht nämlich. Wenn es die nackte Haut trifft, wärmt es wohlig und tut der Haut keinen Schaden. Und der Sonnenbrand? Gute Frage! Sonnenbrand wird von Sonnenstrahlung verursacht, die wir gar nicht sehen: Ultraviolett (UV). Dieses Licht ist kräftiger; jedes Lichtteilchen hat genug Energie, um chemische Bindungen zu lösen, das heisst Moleküle zu zerstören – auch die Moleküle des Lebens. Sichtbares Licht kann nur wärmen, UV kann ionisieren, wie die Physiker sagen, Moleküle zerstören.

Strahlen, die wir „radioaktiv“ nennen sind ionisierend. Sie sind „härter“ als die UV Strahlen der Sonne. Sie können in unseren Körper eindringen und so etwas wie Sonnenbrand im ganzen Körper verursachen. Aber dazu braucht es eine ganze Menge Strahlung.

„Menge“ im Zusammengang mit etwas giftigem, schädlichen heisst „Dosis“. Unser Landsmann Paracelsus hat vor über 600 Jahren herausgefunden: was ein Gift ist, hängt von der Dosis ab. Ein Bisschen Sonne macht keinen Sonnenbrand. Ein ausgiebiges Sonnenbad rötet die Haut und kann ein paar Tage lang schmerzen. Einen ganzen Tag Sonne in den Bergen kann die Haut so stark schädigen, dass Blasen entstehen. In extremen Fällen gibt es Verbrennungen dritten Grades; zerstörte Haut. Was wir auch wissen: Je häufiger und je schlimmer ein Mensch Sonnenbrand erleidet, umso wahrscheinlicher wird er im Alter von Hautkrebs befallen.

Genau so ist es mit der Strahlung von radioaktiven Substanzen, bloss betrifft es den ganzen Körper, nicht nur die Haut und zwar auf zwei Arten:

• Die unmittelbaren Schäden (wie Sonnenbrand), die Strahlenkrankheit.
Je höher die Dosis, umso schlimmer die Schäden.

• Die latenten Schäden, die später zu Krebs führen können.
Je höher die Dosis, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung.

Wenn man von einer Menge oder einer Dosis spricht, dann muss man messen können. Wir messen Zeit in Sekunden, Länge in Metern, Masse in Kilogramm und Strahlendosis in Sievert (Sv). Wieviel ist ein Sievert? Für die, die es genau wissen wollen: ein Joule absorbierte Energie pro kg Lebendgewicht (korrigiert für die biologische Wirksamkeit). Das muss man nicht wissen, aber das schon: 1 Sv ist genug Strahlung, um die meisten Leute krank zu machen. Es ist eine recht grosse Dosis, die selten auftritt. Darum braucht man meist ein Tausendstel davon: Milisievert (mSv).

Hier ist eine Tabelle, die zeigt, mit welcher Dosis ein Mensch in verschie­denen
Umständen bestrahlt wird:natürliche Radioaktive Strahlung

Sie sehen, wenn Ihnen die Strahlung eines Atomkraftwerks Angst macht, dann sollten Sie unter keinen Umständen in die Berge fahren oder in ein Flugzeug steigen.!